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Fernando de Noronha, 8. Dezember 1998

Weltumseglung mit der MS "Astronotus" - Reisebericht #1

Liebe Freunde,

Nun könnt Ihr glauben, wir hätten uns verlaufen!? Wir sind auf einer winzigen Insel angelangt, auf der wir gar nicht vorhatten zu landen. Aber es ist richtig, daß wir diese Insel auf der Route nach Südafrika ohnedies passiert hätten.
Es ist Fernando de Noronha, ein winziges Felseneiland 4 Grad südlich des Äquators und nur etwa 180 Seemeilen westlich der Küste Brasiliens.
Der Segelschifffahrtweg nach Kapstadt ist ein langer Weg mit den Passatwinden. Zunächst verlässt man den Englischen-Kanal nach Westen hin, um mit dem nördlichen Wind an den Kanaren vorbei (wir landeten hier am 10.10.) nach Süd-Süd-West zu gelangen. Weiter geht es mit dem Nord-Ost-Passat bis nahe der Küste Brasiliens, etwa bei Recife, um dann nach Süden, hoch am Wind mit dem Süd-Ost-Passat die Insel Trinidade zu passieren. Das geschieht, um endlich westliche Winde zu bekommen, mit denen man nach Südafrika zum Kap der Guten Hoffnung Richtung Osten den Südatlantik überquert.

Wie kam es, daß wir die Insel Noronha anlaufen mußten? Nachdem wir noch ein wenig zwischen den Kanarischen Inseln kreuzten und Gomera und Hierro besuchten, verließen wir am 1. November 1998 aus dem "Mar de las Calmas" (SSW-Küste von Hierro) den Kanarischen Archipel - Kolumbus ging von hier aus nach Westen, wir nach Süd-Süd-Westen.
Wir hatten in den folgenden Tagen viel Ärger mit der Windfahnensteuerung. Da brachen Teile oder Rädchen drehten sich nicht mehr, oder aber sie blieben hängen und das Schiff schoß in den Wind. Ich mußte immer wieder schweißen (Generator und Schweißgerät sind an Bord). Die See war ruhig - zu ruhig! Zeitweilig Flaute.
Viele verflogene Distelfalter - ein Schmetterling, der genau wie Zugvögel im Herbst von Nord-Europa über die Alpen wandert - trieben tot auf dem Wasser. Zwei weiße Kuhreiher standen auf ihren "Ständern" (Jägersprache = Bein) auf der Heckreling. Auch sie waren zu dusselig, den rechten Weg zu finden und bezahlten das später mit dem Leben, denn sie flogen irgendwann ab in die Weiten des Ozeans hinaus.

Wir drifteten viel in Flauten. Hin und wieder fingen wir eine Dorade (Goldmakrele), die den Proviant ergänzte. In Flautentagen wurde auch am Schiff gearbeitet. So wurde eine extra Lampe zur Cockpitbeleuchtung am Windgeneratormast angebracht und Kabel verlegt. Aber meist hatte ich mit der "Fehlkonstruktion" der Windsteueranlage zu tun. Vieles war zu schwach und brach aus.

An Abenteuern war diese Reise schon nicht arm gewesen! Ich erinnere nur daran wie bei schwerer See das Toilettenfenster brach und Johanna vom "Pott" geschossen wurde, auf einem Wasserstrahl reitend durch die Tür krachte und in der "Klamottenkiste" (Kleiderschrank) landete. Der Ritt auf der Kanonenkugel! Wir mußten daher Lissabon anlaufen, um das notdürftig reparierte Fenster wieder richtig einzusetzen.

Wie ich die nächste Geschichte unseren Freunden klarmache, ohne daß es nach Seemannsgarn klingt, weiß ich noch nicht. Ich versuche es einfach:
Es kam der 9. November, Position 22 Grad 39 Min. Nord und 22 Grad 37 Min. West. Es ist 11.30 Uhr, meine Freiwache Astronotus segelt bei sehr schwachem Weind - fast 0 - auf Kurs 210 Grad. Etwa 80 Seemeilen südöstlich von uns liegen die Kapverdischen Inseln. Die dumpfe Hitze ist fast unerträglich. Nur ein laues Lüftchen aus nordöstlicher Richtung treibt uns mit einem Knoten auf Schleichfahrt voran.
Ich erkläre gerade Johanna, daß die Kornfrachter (Vier- bis Siebenmaster) manchmal ein halbes Jahr brauchten, um auf diesem Weg rund um das Kap der Guten Hoffnung nach Australien zu gelangen. Genau das war auch unser Plan mit einer Unterbrechung in Kapstadt. Seit den Kanaren hatten wir keine anderen Schiffe mehr gesehen. Wir sind wie in einem gläsernen Palast, durch dessen Treibhausdach die Sonne brennt. Alles um uns ist von einem lichtdurchfluteten Blau. Es ist heiß, sehr heiß.
Johanna sitzt im Steuersitz und hat das unentbehrliche Kreuzworträtsel in Arbeit: "Ist Hainbuche und Weißbuche dasselbe?" Ich kann ihr keine Antwort mehr geben. Es kracht - es kracht so fürchterlich! Das Schiff krängt und zittert. Türen und Schubladen fliegen auf, Bücher kommen runter, Johanna landet am Cockpitboden. Ich fliege aus der Koje und beiße in die Tischkante, unsere Hängepflanze, ein Farn von den Azoren und schon 4 Jahre an Bord, knallt mir auf die Rübe. Es ist ein Chaos. Zum Schrecken und Angst bleiben keine Zeit. Das erste was mir durch die "Rübe" schießt, ist: "Verdammte Container, die manchmal Frachter verlieren", aber bei der Schleichfahrt kann es nicht derartig krachen.
Gerade fing ich also wieder mit dem Denken an, da hören wir einen Ton als würde ein Dampfkessel platzen. Ich raus - Pottwale! Man fängt gleich das Zählen an, einzigartig. Es sind acht gewaltige Riesen. Ein mächtiger Bursche, wohl mehr als 16 Meter lang, ist an unserer Backbordseite etwas in Seitenlage und zieht gerade seinen gewaltigen grauen Penis ein!? An der Steuerbordseite noch so ein braunes "Monster". Sechs weitere Wale folgen langsam. Es scheinen alles Männchen zu sein, da die Pottwalweibchen nur höchstens sieben Meter lang werden.
"Ja, was soll denn das werden?" Das ist neu - noch nie hatte ich ähnliches gelesen. "Die wollen sich an unserer weitgereisten Astronotus verlustieren!" Schlicht, der Bursche wollte die Astronotus begatten.
Dazu muß gesagt werden, daß wir zwei Ruderblätter haben (manche Regattayachten haben das auch). Das hintere Ruderblatt ist nur für die Windsteuerung und als Notruder gedacht. Das erste ist das Hauptruder und hydraulisch gesteuert. Zwischen der Hinterkante des ersten Ruders und der Vorderkante des zweiten Ruders ist in Mittschiffsstellung nur ein Spalt von 5 cm. Da bei dem schwachen Wind permanent das Hauptruder um 15 Grad nach Backbord stand, um das Anluven zu verhindern, verbreitert sich der Spalt um 30 cm.
Der Wal hatte sich der "Dame Astronotus" so zart genähert wie das eben Pottwalart ist, um dann überfallartig seinen "Elefantenrüssel" zwischen die beiden Ruder zu schieben. Wir hatten davon nichts bemerkt. Die anderen Wale hatten möglicherweise vor Spannung die Luft angehalten, denn ein Spautblasen war nicht vernehmlich. Was der andere Wal, auch ganz dicht an der Bordwand, wollte, ist uns unklar, aber man hörte und las des Öfteren, daß Wale in diesen Situationen Hilfestellung leisten.
Da muß wohl Johanna gedankenverloren am Ruder gedreht haben und ihm sein edles Teil eingequetscht haben, oh verdammt! Da muß der Kerl wohl seinen Irrtum erkannt haben. "Verdammt sprach der Hahn, als er von der Ente kam." Der "Eisernen Lady" Astronotus II verpaßte er eine gewaltige Ohrfeige. Wären wir Kavalier geblieben? Zwei der Wale folgten uns noch eine Weile, die anderen waren wohl zu entsetzt und tauchten ab.

Die Astronotus fuhr nicht mehr korrekt geradeaus. Wir liefen am 12. November die Kap Verden an, um hier unsere "Wunden zu lecken". Auch um die Windsteuerung endlich zu verstärken. Beim Inspitions-Tauchen unter dem Schiff stellte ich fest, daß das hintere Ruder stark seitlich verdreht war. Eine Edelstahlwelle mit 69 mm Durchmesser war um mind. 30 Grad nach Steuerbord verdreht, vertwistet. Wir wußten also ab dato, wenn die Pinne oben um 30 Grad nach Steuerbord steht, ist das Ruder unter Wasser gerade.

Wir ankerten vor dem Ort Porto Novo, Insel Santo Antào der Kap Verden. Johanna ging erst garnicht an Land. Der ganze Ort, bei brütender Hitze, stinkt wie ein öffentliches Pissoir. Wir müssen wohl versehentlich im öffentlichen Klo der Kap Verden gelandet sein. Es sind heiße, trockene Inseln. Ich entdeckte nur einen grünen Baum, eine Akazie von der Art, wo die Giraffe drüben in Afrika die Blätter frißt. Die Unterwasserwelt ist allerdings atemberaubend schön.

Um es kurz zu machen: Auf dem weiteren Weg verloren wir das Ruder in den Tiefen des Atlantiks. Wird wohl inzwischen da unten angekommen sein, an der Stelle war es nur 4.700 Meter tief. Mit einigen Umbauten zum Hauptruder, die bis heute nicht funktionieren, retteten wir uns bis zur Insel Fernando de Noronha. Jetzt nach 3 Tagen Arbeit habe ich eine Lösung gefunden, die bis Kapstadt halten muß ...

Es bleibt noch nachzutragen, daß wir einige seltsame Erscheinungen hatten. In der Nacht nach den Kap Verden lief uns ein pulsierender Ball in nur 3 Sekunden aus großer Höhe aus dem "Nichts" schräg nach rechts ins Meer hinein. Eine Nacht später war es eine große grüne Kugel hinter uns, die schräg von oben kommend in den Ozean fiel!? An UFOs wage ich nicht zu denken, aber Erklärungen haben wir auch nicht.

Ansonsten fangen wir seltener Fische als auf unseren ersten beiden Weltumseglungen, dafür aber reinigen wir den Ozean mit unserer Schleppangel. Was da so alles hängen bleibt ...

Da wir bis ins neue Jahr auf See sein werden, wünschen wir schon jetzt frohe Festtage und ein glückliches, gesundes Neues Jahr.
Wir haben auf See viel Zeit, an alle unsere Lieben zu denken.

Euer Otto und Hanni


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